Wir sind nicht Rallye!

Die Bild erklärt gern die Welt. Und mit ihrer einfachen Sprache verkündete sich vor einiger Zeit: „Wir sind Papst!“. In diesem Sinne ist man fast versucht, zum Comeback von Michael Schumacher in ein lautes „Wir sind Formel 1“ einzustimmen. Doch ebenso sicher könnte man sagen „Wir sind nicht Rallye!“ Denn in diesen Tagen ist es schon 30 Jahre her, dass der Regensburger Walter Röhrl erstmals bei der legendären Rallye Monte Carlo siegen konnte.

Rallye Monte Carlo
„Rallye Monte Carlo Startnummer“ (Bildnachweis: wikimedia.org)

Für die U30-Fraktion unter unsern Lesern muss man an dieser Stelle vielleicht erklären, dass die Rallye Monte Carlo einmal so etwas wie die Königin des Motorsports war. Früher, als der Rallyesport noch eine echte Ausdauersportart war, da wurde jeden Januar rund um das kleine Fürstentum der König der Autofahrer gekrönt. Die Suche begann mit einer Sternfahrt. Deutsche Teilnehmer gingen meist von Bad Homburg aus auf die Reise. Ihre Wettbewerber starteten zum Beispiel in Amsterdam, London, Kopenhagen, Rom, Turin oder Barcelona. Und selbst auf dem Höhepunkt des kalten Kriegs konnte man in den 1970er oder 1980er-Jahren von Warschau aus in das Abenteuer der Rallye Monte Carlo starten. Auf eigener Achse ging es so, gewissermaßen als Ouvertüre, an die Côte d’Azur.

Kaum das Ziel der Sternfahrt erreicht, standen dann traditionell drei mit zahlreichen Wertungsprüfungen gespickte Etappen auf dem Programm. Vereinfacht betrachtet, wurde bei der von Fahrern und Fans meist ebenso ehrfürchtig wie liebevoll Monte genannten Veranstaltung einfach Tag und Nacht gefahren. Dabei ging es meist in die Seealpen des französischen Hinterlandes sowie die Riviera entlang. Im kleinen Fürstentum Monaco selbst, werden nur Überführungsetappen gefahren. Bevor Walter Röhrl und Christian Geistdörfer 1980 am Hafen von Monte Carlo die Ehren der Sieger empfangen konnten, hatten sie mit ihrem FIAT 131 Abarth eine Strecke von 3865 Kilometern absolviert und 30 Wertungsprüfungen mit 601 Wertungskilometern bestritten – ohne die Sternfahrt.

Die „Nacht der langen Messer“

Vor 30 Jahren kämpften die Rallye-Piloten also gut 10 Stunden um jede Sekunde. Wobei der enge Zeitplan auch auf den Verbindungsetappen kaum ein Ausruhen ermöglichte, wodurch sich die Anspannung auf fast drei Tage verlängerte. Absoluter Höhepunkt war die berühmt-berüchtigte Etappe über den „Col de Turini“. Dessen Überquerung stand als Mittelpunkt der Königsetappe tief in der Nacht an. Entlang der kurvenreichen Strecke sorgten die meist zahlreich anwesenden Fans immer wieder für zusätzliche Spannung. Ihre Schneeballschalten auf der Passhöhe sorgten nämlich bei den Fahrern stets auch für ein gewisses Unbehagen. Denn mit dem Schnee machten sie das schnelle Asphaltband noch etwas tückischer. Eine Vorstellung davon vermittelt ein Video, das dokumentiert, wie jüngst Stig Blomqvist noch einmal den „Col de Turini“ mit seinem Audi Sport Quattro S1 in Angriff nahm.

Heutige Rallyes wirken da fast wie ein lustiger Kindergeburtstag. Eine heutige WM-Rallye erreicht kaum noch ein Drittel der Länge einer traditionellen Rallye Monte Carlo. Es ist wohl nicht mehr vorstellbar, dass die High-Tech-Boliden der WRC auf eigener Achse von Kopenhagen nach Monte Carlo rollen. Um so mehr ist vorstellbar, wie die Verantwortlichen der TV-Sender toben würden, wenn die im eigenen Programm tagelang als Asphalthighlight angekündigte Wertungsprüfung „nur“ durch das Zutun einiger Fans plötzlich zu einer Schneeparty wird.

Die Veranstalter der Rallye Monte Carlo entziehen sich dem Diktat des WM-Reglements, so weit es geht. Denn seit 2009 verzichten Sie auf das WM-Prädikat und führen die Rallye als Bestandteil der „Intercontinental Rally Challenge“ durch. Nur hier sehen sie Möglichkeit, wenigstens einige der charakteristischen Merkmale der Monte in die Gegenwart zu retten. Trotzdem kann man bei der Rallye Monte Carlo heute wohl kaum noch von einer Königin sprechen.

Will man sich für ein Bild unbedingt der Titel des Adels bedienen, so ist die Rallye Monte Carlo heute wohl allenfalls eine freche Komtess, die im Januar ihren Prinzen sucht, dabei aber aufpassen muss, nicht zur alten Jungfer zu verkommen.

3 Kommentare

  1. Der Röhrl soll doch selbst gesagt, dass die heutigen Fahrer wahrscheinlich 10x die Monte gewinnen müßten, um sich mit ihm vergleichen zu können.

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