Wer erinnert sich noch an die neue S-Klasse?

Kinder wie die Zeit vergeht! Eine Pressemitteilung der Kollegen von auto.de führte mir vor einigen Tagen schmerzhaft vor Augen, dass vor mehr als 20 Jahren ein Aufreger das Volk der Auto-Fans bewegte. Mit viel Tamtam stellte Mercedes-Benz im Frühjahr 1991 die Baureihe W 140 als neue S-Klasse vor. Die Neuerscheinung wurde beim Debüt vollmundig als das beste Auto der Welt bezeichnet.

Zahlreiche Neuheiten wurden mit dieser S-Klasse auf den Markt geworfen gebracht. Neben dem heute weit verbreiteten ESP gab es einen Bremsassistenten, die optionale Sprachsteuerung LINGUATRONIC und das geräuschdämmende Verbundsicherheitsglas. Dazu kam, dass für nahezu alle Fahrzeugkomponenten erstmals ausdrücklich eine Recyclingfähigkeit versprochen wurde. Zudem hielt mit der Baureihe W 140 die Informatik umfassend Einzug in das Automobil. Denn als erstes Serien-Auto der Welt verfügte der W 140 mit dem CAN-Bus über eine vollständige Vernetzung der Steuergeräte.

Die Extras hatten ihren Preis ihr Gewicht

Denn mit einem Leergewicht von mindestens 1,9 Tonnen wog der W 140 fast 400 KG mehr als sein Vorgänger W 126. Gut ausgestattete Exemplare des W 140 brachten schnell auch 2,2 Tonnen auf die Straße. In Verbindung mit den Abmessungen – der W 140 überragte seinen Vorgänger um mindestens vier Zentimeter, war satte sechs Zentimeter breiter und sogar mindestens neun Zentimeter länger – setzte der W 140 einen neuen Maßstab. Und hatte schnell seinen Spitznamen weg. Wie den damaligen Kanzler Helmut Kohl nannte man die S-Klasse meist einfach nur den „Dicken“.

Größe überfordert – in der Politik und auf der Straße

Wenn ich an die S-Klasse der Baureihe W 140 denke, dann denke ich zunächst an die Vorstände meines damaligen Arbeitgebers. Ihre neuen S-Klassen konnten nicht auf den angestammten Parkplätzen geparkt werden. Dann erinnere ich mich an die unglaublich gute Federung. Selbst auf belgischen Autobahnen, die auch Mitte der 1990er-Jahre das Beste schon hinter sich gebracht hatten, konnte man in der S-Klasse mit mehr als 200 km/h Paris eilen.

Das gefiel – wegen der Geschwindigkeit – nicht allen belgischen Polizisten. Nach dem Kassieren wurde einem selbst als studentischer Aushilfs-Chauffeur dieses Fahrzeugs eine gewisse Bewunderung für das beste Auto der Welt zu Teil. Sogar, obwohl dieses „nur“ – wie die Erinnerung sagt – mit unfassbar hässlichen Velours-Sitzen ausgestattet war.

Wer braucht mit einer S-Klasse schon eine Parklücke?

Angesicht der kolossalen Abmessungen wurde schnell Kritik an der Baureihe W 140 laut. Für Gesprächsstoff sorgte, dass das Dickschiff verhältnismäßig unübersichtlich war. Mercedes-Benz hatte den Wagen daher mit einer passiven Einparkhilfe ausgestattet. Beim Einlegen des Rückwärtsgangs fuhren aus den hinteren Kotflügeln kleine Peilstäbe aus. Mit ihnen sollte der Fahrer das Heck und seine Position in einer Parklücke besser einschätzen können. Ein pragmatischer Ansatz, dessen Umsetzung sicherlich auch etwas Mut erforderte. Und die Auto-Freunde in zwei Lager spaltete. Ein Teil bewunderte die einfache Lösung, der andere Teil spottete über so viel Low-Tech im High-Tech-Auto.

Nach rund drei Jahren hatte der Spott ein Ende. Die Stummel verschwanden bei einem Facelift, das Heck wurde etwas abgesenkt. Und Mercedes bot eine elektronische Einparkhilfe PARKTRONIC mit Ultraschallsensoren an. Die Peilstäbe gehören zu den kuriosen Details, die jemals ein Auto verzierten. Und kaum zu glauben, es ist schon 20 Jahre her, dass diese Peilstäbe diskutiert wurden. Kinder wie die Zeit vergeht! Weil ich noch keinen Bentley gefunden habe, muss ich morgen gleich mal nach einer guten S-Klasse suchen ;-=)

4 Kommentare

  1. An die Peilstäbe erinnere ich mich auch bei der S-Klasse damals. Finde ich aber eine schöne Lösung!

  2. Aber war DAS wirklich ein schönes Auto? In meinen Augen nicht, was nützt die ganze Technik, wenn der Rest ein eckig langweiliger Klotz ist. Der W110 war ein bildschöner Wagen, der den Stern mit Stolz getragen hat.

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