Ist das ein Grund, sich so zu verkleiden?

Vor einer Woche stand das Oldtimer-Revier in Hockenheim an der Leitplanke, um bei der „Hockenheim Historic – In Memory of Jim Clark“ die Fahrergemeinschaft „RaceHistory on Track“ zu fotografieren. Hinter einem wunderschönen Ferrari 312 T, wie ihn einst Clay Regazzoni und Niki Lauda bewegten, fuhr ein Auto in einer – nennen wir es einmal – deutlichen Ferrari-Anmutung.

Auf dem roten Kleid klebte neben der Startnummer 1 ein Schriftzug, der dem klassischen Ferrari-Schriftzug mit dem verlängerten oberen Strich des Anfangsbuchstabens ähnelt. Erst beim genauen Hinsehen wird klar, dass das „F“ hier Teil des Begriffs „Formula 1“ ist. Denn um ein Fahrzeug aus Maranello handelt es sich gar nicht. Stattdessen drehte hier mit dem „EuroBrun ER-189“ wohl eines der schlechtesten Formel 1 Fahrzeuge aller Zeiten seine Runden.

EuroBrun war eines der erfolglosesten Teams der Formel-1-Geschichte.

Das Team ab in den Jahren 1988 bis 1990 insgesamt 71 Mal eine Nennung für ein Formel 1 Rennen ab. Stolze 57 Mal verpassten die EuroBrun-Piloten die Qualifikation zum Rennen. Vielfach war das Rennwochenende des Teams sogar schon am frühen Freitag nach der Vorqualifikation beendet. Hinter dem Team standen Walter „Walti“ Brun und der Gianpaolo Pavanello. Beide hatte das Verbot der Turbomotoren in die Formel 1 gelockt. Brun hatte mit dem Aufstellen von Automaten einen gewissen Wohlstand erreicht und fuhr als ambitionierter Amateur Rennen. Zur Saison 1983 gründete der Schweizer Brun Motorsport und setzte in der Sportwafen-Weltmeisterschaft sowie der IMSA-GT-Meisterschaft die Porsche-Typen 956 und 962 ein.

Der Italiener Gianpaolo Pavanello führte seit den 1970er-Jahren das Team Euroracing. In der Formel 3 war Pavanello mit diesem Team recht erfolgreich. Anfang 1983 übernahm das Team die Rennwagen und das Material des Alfa Romeo Formel 1 Werkteams. Drei Jahre trat Euroracing – wenn auch ohne großen Erfolg – damit unter dem Namen „Euroracing Alfa Romeo“ in der Formel 1 an, dann drängte Alfa Romeo am Ende der Saison 1985 auf einen Rückzug aus der Formel 1. Nach einer gescheiterten Fusion mit dem Formel 1 Team von Vincenzo „Enzo“ Osella, kehrten Pavanello und Euroracing mit Hilfe von Walter Brun Anfang 1988 als EuroBrun in die höchste Klasse des Motorsports zurück.

Der „EuroBrun
ER-189“ war das zweite Modell des Teams

Dabei nutzte man auch Material und KnowHow aus der Alfa-Zeit. Denn der erste EuroBrun basierte auf einem inzwischen gut vier Jahre alten Monocoque des Alfa Romeo 184T. Am Anfang der Saison 1988 sah man damit sogar halbwegs gut aus. Zunächst gelang dem Team meist die ohne größere Probleme die Qualifikation zu den Rennen. Doch im Verlauf der Saison verlor das Team von Rennen zu Rennen den Anschluß. Zudem stritten sich die Inhaber zunehmend über die Gründe für das schlechte Abschneiden. Und während Walter Brun am Anfang der Saison – auf die zum Teil chaotischen Auftritte des Teams Euroracing als Alfa Werksteam angesprochen – noch mit einem „Die größten Chaoten waren damals doch die Alfa-Leute – und nicht der Pavanello.“ zitiert wurde, übernahm der Schweizer nun das gesamte Team. Zusätzlich gründete Brun im britischen Basingstoke ein Technikbüro namens „Brun Technics“, wo ein Team unter Leitung von George Ryton den „EuroBrun ER-189“ entwerfen sollte.

Zum Großen Preis von Deutschland auf dem Hockenheimring war der Bolide fertig. Dank des neu gewonnenen Hauptsponsors, dem deutschen Likör-Hersteller Jägermeister, war der „EuroBrun ER-189“ beim Debüt orange lackiert. Doch unter der hübschen Hülle steckte ein schweres und langsames Auto, das zudem durch das eher unberechenbare Handling schwer zu fahren war. Nachdem sich der neue Wagen weder am Hockenheimring noch auf dem Hungaroring in Ungarn an konkurrenzfähig erwiesen hatte, wechselte das Team für das Rennen in Belgien sogar zum Vorgängermodell zurück, um den „EuroBrun ER-189“ umfassend zu überarbeiten. Eine neue Hinterachse, die vom Vorgänger stammte, machte das Auto zwar besser fahrbar, doch den Sprung ins Starterfeld der Formel 1 sollte der „EuroBrun ER-189“ in diesem Jahr nicht mehr schaffen.

Vor dem Ende der Saison zog sich der Hauptsponsor zurück. Das Team trat bei den Überseerennen in Japan und Australien mit einem schwarzen Auto an. Zur nächsten Saison wurde das Fahrzeug nochmals umfassend überarbeitet. Und Roberto Moreno schaffte es immerhin dreimal, den nun silbernen „EuroBrun ER-189“ für ein Rennen zu qualifizieren. Dabei halfen dem kleinen Brasilianer sicherlich auch die Pirelli-Reifen, die zu dieser Zeit als die perfekten Qualifikationsreifen galten. Beim Saisonauftakt in den USA überstand der „EuroBrun ER-189“ sogar die Distanz. Moreno kam beim Rennen in Phoenix, Arizona als 13. ins Ziel. Auch in dieser Saison verlor das Team von Rennen zu Rennen den Anschluß. Noch vor dem Ende der Saison warf man das Handtuch und verzichtete auf eine weitere Teilnahme an den Rennen der Formel 1.

Zur Formel 1 gehört – seit ihrer Gründung – auch das Scheitern

Deshalb haben auch die schlechten Autos ihren Platz im historischen Motorsport verdient, wenn man Geschichte bewahren will. Und selbst ein Fahrzeug, das bei 19 Grand Prix nur dreimal den Sprung ins Starterfeld schaffte, hat etwas Würde verdient. Dazu gehört unserer Meinung nach eine Lackierung, die zumindest irgendwie an die Originallackierung erinnert. Gerade der „EuroBrun ER 189“ bietet da ja eine Menge Stoff. Daher ist das falsche Kleid, das den „EuroBrun ER 189“ heute zu einem Ferrari-Fake macht, aus unserer Sicht bitter und eine vergebene Chance.

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