8. Mai 1982 – Gilles Villeneuve verunglückt in Zolder tödlich!

Gilles Villeneuve entdeckte den Rennsport erst mit Anfang 20. In der kanadischen Heimat bestritt Villeneuve Snowmobil-Rennen. Dazu trat Villeneuve mit einem 1967er Ford Mustang bei 1/4-Meilen-Beschleunigungsduellen an. Und nach einem Kurs an der Rennfahrerschule von Jim Russell kaufte sich der Kanadier 1973 einen Formel Ford.

Mit dem zwei Jahre alten „Magnum MkIII“ bestritt Villeneuve in Kanada eine regionale Formel Ford Meisterschaft und gewann dabei auf Anhieb sieben von zehn Rennen. Es folgte der Aufstieg in die Formula Atlantic, die in Nordamerika als Pendant zur Formel 2 mit Einheitsmotoren von Ford ausgetragen wurde. Auch hier gewann Villeneuve bereits in seiner ersten Saison in der neuen Fahrzeugklasse ein Rennen und dominierte in den beiden folgenden zwei Jahren die Szene fast nach Belieben.

Am Steuer eines March sicherte sich Villeneuve 1976 sowohl die „IMSA Formula Atlantic Players Championship Series“ in den USA als auch die in Kanada ausgetragene „CASC Formula Atlantic Players Championship Series“. 1977 trat Villeneuve für Walter Wolf mit dessen Wolf Dallara WD-1/Chevrolet in der Can-Am an und gewann erneut den Formula Atlantic-Titel in Kanada.

Auf dem Weg zu diesem Titel schlug Villeneuve regelmäßig europäische Piloten wie Keke Rosberg, Jacques Laffite, Patrick Depailler, Didier Pironi oder James Hunt, die mit Gaststarts in der Formel Atlantic leichtes Geld verdienen wollten. Bill Wagenblatt bietet auf seiner Webseite Track Thoughts wunderschöne Fotos von Gilles Villeneuve im March 77B oder Wolf Dallara WD1 zum Kauf an.

Die Leistung des Nachwuchsfahrers sprach sich auch in der alten Welt rum

Formel 1 Weltmeister James Hunt empfahl Villeneuve seinem McLaren-Teamchef Teddy Mayer, der noch im Sommer 1977 dem Nachwuchsfahrer aus Übersee einen seiner Rennwagen für den Großen Preis von Großbritannien zur Verfügung stellte. McLaren hatte – rund ein Jahr nach der ersten Testfahrt – die Kühlprobleme des M26 endlich in den Griff bekommen. Zum Heimrennen in Silverstone brachte man erstmals zwei M26 für die Stammpiloten James Hunt und Jochen Mass an den Start.

Ein Nachwuchsfahrer im bewährten M23 kam da ganz recht, auch um die Qualität des Neuen direkt vor Ort in der Hektik eines Grand Prix Rennens beurteilen zu können. Zumal der M23 trotz seines Alters noch voll im Saft stand. Schließlich hatten beide Stammfahrer ers vor wenigen Rennen den Sprung auf das Podium geschafft. Villeneuve überraschte mit einer guten Trainingszeit, lies dabei mit Platz neun Teamkollegen Jochen Mass auf Platz elf hinter sich.

Im Rennen lief es nicht optimal, Villeneuve kam überrundet ins Ziel. Trotzdem hatte die Leistung in Italien einen TV-Zuschauer überzeugt: Enzo Ferrari, der nach dem Drama von Guidizzolo bei der Mille Miglia 1957 keine Rennen im Ausland mehr besuchte. Und als sich Niki Lauda nach dem vorzeitigen Gewinn des WM-Titels endgültig mit seinem Chef zerstritt, nahm Ferrari den Nachwuchspiloten Villeneuve als Werksfahrer unter Vertrag.

Anspruchsvoll!

Denn es gibt im internationalen Motorsport bestimmt leichtere Aufgaben, als ausgerechnet bei Ferrari zwei Rennen vor Saisonende einen frisch gekürten Doppelweltmeister zu ersetzen. Hinzu kam, dass die Strecke in Mosport, 1977 der Austragungsort des Grand Prix von Kanada, sicherlich keine Zwölfzylinder-Strecke ist, sondern eher die V8 der Ford-Cosworth-Teams bevorteilte. Villeneuve versuchte, das Defizit mit dem ihm eigenen Einsatz auszugleichen. Schon im ersten Training feuerte er den Ferrari neben die Strecke. Nach Platz 17 im Training beendete Villeneuve das Rennen überrundet auf dem 12. Platz.

Beim Saisonfinale in Japan sprang erneut nur ein magerer 20. Startplatz heraus. Im Rennen lieferte sich Villeneuve vom Start weg ein Duell mit Ronnie Peterson. Als Villeneuve in der fünften Runde versuchte, den Tyrrell P34 des Schweden auf der Außenseite zu überholen, berührten sich die Boliden. Villeneuve wurde mit seinem Ferrari in die Luft geschleudert, flog über die Fangzäune und verletzte zwei Zuschauer tödlich, die sich unerlaubt in einer Sperrzone aufhielten.

Enzo Ferrari hielt dem Piloten die Treue und setzte weiter auf Villeneuve. Doch die Formel 1 blieb zunächst ein schwieriges Pflaster für den Neueinsteiger. Während der Teamleader Carlos Reutemann 1978 immerhin vier Rennen gewann, hatte Villeneuve zunächst mit sich und der neuen Klasse zu kämpfen. In der ersten Saisonhälfte sah der Kanadier meist gar nicht die Zielflagge., doch in der zweiten Saisonhälfte stellte sich Besserung ein.

Nach einem vierten Platz in Belgien und einem dritten Platz in Österreich gelang Villeneuve beim Heimspiel in Kanada sogar ein Sieg. Über das Debütrennen auf dem „Circuit Île Notre-Dame“ in Montreal und den ersten Sieg von Gilles Villeneuve hat Peter Windsor, der gescheiterte USF1-Teamchef, in seinem Blog einen lesenswerten Artikel verfasst. Peter bezeichnet das Rennen dabei als eigentlichen Beginn der „Ground-Effekt-Ära“, da jetzt (fast) alle Teams den Trick mit den Seitenschürzen verstanden und kopiert hatten.

Und offensichtlich hatte Ferrari die Lotus Modelle 78 und 79, die den Trick, mit Seitenschürzen und einen speziellen Unterboden den Bodeneffekt zu nutzen, um unter dem Fahrzeug eine Saugwirkung zu erzeugen, eingeführt hatten, sehr genau studiert. Schon Ferrari 312T3, den Villeneuve in Kanada zum Sieg trieb, stattete man immer wieder mit Seitenschürzen aus, um mit dem Ferrari 312T4 des Jahrgangs 1979 einen konsequenten Ground-Effekt-Formel-1-Rennwagen auf die Räder zu stellen.

Nun saß Gilles Villeneuve in einem Top-Auto

Doch mit Jody Scheckter, der den zu Lotus abgewanderten Carlos Reutemann bei Ferrari ersetzte, hatte Villeneuve einen Gegner im Team, der diese Chance ebenfalls nutzen wollte und die Formel 1 schon etwas länger kannte. Scheckter wusste, dass man zum Titelgewinn möglichst oft Punkte gewinnen muss.

Villeneuve gewann in Südafrika sowie beim West-GP der USA, führte damit zwischenzeitlich die WM an. Scheckter antwortete mit Siegen in Belgien, Monaco und Italien und fuhr darüber hinaus eine konstante Saison. Insgesamt gewann Scheckter bei 12 der 15 Saisonrennen Punkte. Villeneuve verlies die Rennstrecken nur achtmal mit einem Punktgewinn. So ging der Titel am Ende des Jahres klar an Jody Scheckter, auch wenn Villeneuve mit dem zweiten Grand Prix in den USA nochmals ein Rennen gewinnen konnte und sich den Titel des Vize-Weltmeisters sicherte.

Villeneuve konnte mit der Saison zufrieden sein, zumal er sich 1979 endgültig in die Herzen der Formel-1-Fans fuhr. Legendär der Zweikampf mit Rene Arnoux beim Großen Preis von Frankreich in Djion. Villeneuve lag hinter dem Renault-Piloten Jean-Pierre Jabouille auf einem sicheren zweiten Platz, als wenige Runden vor dem Ende Arnoux in einem weiteren Renault mit großen Schritten näher kam.

Ein Duell für die Ewigkeit!

Drei Runden vor Schluss überholte Arnoux den Kanadier. Villeneuve kämpfte sich eine Runde später zurück und rückte mit einem sehenswerten Ausbremsmanöver am Ende der Zielgeraden wieder auf den zweiten Platz vor. Wieder eine Runde später versuchte Arnoux am Ende der Zielgeraden Villeneuve zu überholen. Vergeblich, denn Arnoux brachte seinen Renault neben den Ferrari, kam aber nicht vorbei.

Die erste Hälfte der Schlussrunde nahmen beide Piloten jetzt eher nebeneinander als hintereinander in Angriff. Mehrmals berührten sich ihre Fahrzeuge. Schließlich brachte Arnoux – halb neben der Strecke – seinen Renault doch noch in Front. Gilles Villeneuve wollte unmittelbar kontern, doch das Manöver auf der Außenseite der Kurve misslang. Der Ferrari wurde weit herausgetragen, trudelte fast durch den Notausgang.

Niemand hätte jetzt wohl noch auf Villeneuve gewettet. Doch der Kanadier fing seinen Ferrari irgendwie doch noch ab und schloss sofort die Lücke zum Renault, um bereits in der nächsten Kurve einen neuen Angriff zu starten. Diesmal gelang das Manöver. Villeneuve gewann den zweiten Platz zurück und verteidigte diesen bis ins Ziel. Ein Duell, das auch heute – insbesondere mit dem Kommentar von BBC-Legende Murray Walker – absolut sehenswert ist.

Villeneuve ging als Favorit in die Saison 1980

Doch Ferrari hatte den Anschluss an die Spitze des Felds bereits wieder verloren. Williams, aber auch Brabham und Ligier konnten den Ground-Effekt ihrer Autos besser nutzen, weil der schmale Cosworth DFV mehr Raum zur Gestaltung des Unterbodens lies. Ferrari stand bei der Gestaltung des Unterbodens der flache Zwölfzylinder mit einem Zylinderwinkel von 180 Grad im Weg. Mit dem 312T5 fand sich die Scuderia Ferrari im Niemandsland der Formel 1 wieder.

Nur 1969 als Ferrari meist nur mit einem Auto antrat, war man wohl noch erfolgloser – obwohl damals Chris Amon immerhin einen dritten Platz in den Niederlanden erzielen konnte. 1980 war so ein Ergebnis für Ferrari unerreichbar. Keiner der Piloten kam im Laufe der Saison über einen fünften Platz hinaus. Am Ende der Saison hatte Villeneuve gerade einmal sechs Punkte auf seinem WM-Konto angesammelt. Weltmeister Scheckter verabschiedete sich mit zwei Punkten in den Ruhestand.

Ferrari entschied, zur Saison 1981 ins Lager der Turbo-Motoren zu wechseln. Für Villeneuve, der sein Debüt einst in Silverstone beim gleichen Rennen, wie der Turbomotor feierte, begann eine harte Zeit, den die Technik erwies sich als unzuverlässig. Mehrmals wurde der Pilot von Motorschäden oder Problemen mit der Kraftübertragung um den Lohn der Anstrengungen gebracht.

In den 15 Saisonrennen fiel Villeneuve achtmal aus, beim Parkplatz-Grand-Prix von Las Vegas wurde Villeneuve disqualifiziert. Symptomatisch, dass dabei der Turbo-Motor Feuer fing, bevor der Pilot auf die schwarze Flagge reagierte. Doch Ferrari wähnte sich auf dem richtigen Weg, denn als in Monaco und Spanien die Technik hielt, gewann Villeneuve prompt zwei Rennen. Mit einem dritten Platz in Kanada und einem vierten Platz in Belgien reichte es am Ende der Saison sogar zu Platz Sieben in der Endabrechnung.

Die Experten waren sich einig, dass 1982 das Jahr des Villeneuve werden könnte

Doch die Saison begann mit zwei Ausfällen. Im dritten Saisonlauf in den USA wurde Villeneuve dann als Dritter nachträglich disqualifiziert, weil der Heckflügel seines Ferraris zu groß gewesen sein soll. Es folgte das Skandalrennen von Imola, als die englischen Teams im Streit mit der FISA (heute FIA) auf das Rennen verzichteten. Villeneuve lieferte sich einen atemberaubenden Kampf mit seinem Teamkollegen Didier Pironi.

Entgegen der Absprache und gegen den ausdrücklichen Willen des Ferrari-Teams gewann Pironi das Rennen. Villeneuve kochte, warf dem Franzosen Wortbruch vor und kündigte an, nie wieder ein Wort mit Pironi zu sprechen. Schon beim folgenden Rennen im belgischen Zolder wollte Villeneuve die Ordnung im Team wieder herstellen. Doch acht Minuten vor dem Ende des verregneten Qualifikationstrainings lag Villeneuve nur auf Platz acht und – vor allem – hinter dem verhassten Pironi.

Villeneuve entschied, noch einen Anlauf zu nehmen, der mit einem Missverständnis in die Katastrophe führen sollte. Vor der engen Terlamenbocht, heute ist hier eine nach Gilles Villeneuve benannte Schikane, lief der Ferrari mit rund 250 km/h auf der feuchten Strecke auf den deutlich langsameren March 811 von Jochen Mass auf. Mass, der sich gerade auf einer Auslaufrunde befand, sah den schnellen Kanadier und zog seinen March nach rechts, um die Ideallinie zu räumen. Doch dort – auf der Außenseite der Kurve – hatte Villeneuve bereits zum Überholen angesetzt.

Die Rennwagen berührten sich, der Ferrari hob ab

Der Ferrari nutzte das rechte Hinterrad des March als Sprungschanze, stiegt steil auf und überschlug sich mehrmals in der Luft. Nach einem Flug von rund 150 Metern prallte der Ferrari auf die Strecke. Augenzeugen berichten, dass der Ferrari während des Flugs eine Laterne gesteift haben soll. Spätestens beim Aufprall auf der Strecke wurde der Ferrari in Stücke gerissen, Gilles Villeneuve fest in seinen Sitz geschallt aus dem Cockpit heraus geschleudert.

Gilles Villeneuve flog quer über die Strecke, auf der anderen Straßenseite beendete ein Fangzaun den Flug. Leblos blieb Villeneuve, dem es Schuhe, Helm und Handschuhe vom Körper gerissen hatte, im Fangzaun liegen. Mit dem Hubschrauber flog man den Verletzten in die St. Raphael-Klinik in Leuwen, doch um 21.12 Uhr teilte die Rennleitung mit, dass der Kanadier beim Unfall verstorben sei.

In den fünf Jahren und den 67 Grand Prix, die der Kanadier, dessen Sohn Jacques fünfzehn Jahre später mit einem Williams Formel-1-Weltmeister wurde, in der Formel 1 fuhr, definierte Villeneuve die Begriffe Fahrzeugbeherrschung, Kampfgeist und Mut völlig neu. In Italien wird Villeneuve deshalb bis zum heutigen Tage wie ein Heiliger verehrt.

Niki Lauda bezeichnete den Kanadier einst als Giganten. Enzo Ferrari zog sich nach dem Erhalt der Nachricht vom Tode seines Lieblingspiloten tagelang in seine Villa zurück und verweigerte jeden Kontakt zur Außenwelt. Zur Beerdigung schickte der Commendatore einen Kranz, auf dessen Schleife „Von Enzo für Gilles“ stand.

2 Kommentare

  1. Mist, wir werden alt! Ist das schon 30 Jahre her? War Dein Name im Französisch-Unterricht nicht Gilles?

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